Die achte Raunacht gehört dem Prinzip des Skorpion. Zugleich ist es die Nacht des Jahreswechsels, Silvester, der genau in die Mitte der Raunächte fällt. Jetzt wird es ernst, könnte man sagen. Wir überschreiten die Schwelle in das Neue Jahr, es gibt kein zurück mehr. Es ist Zeit für Orakel, mit denen wir die Zukunft ausloten wollen, Zeit für Vorsätze, denen wir uns in diesem magischen Augenblick verpflichten. Das Geheimnis dieser Raunacht schafft Verbindlichkeiten für das, was kommt – und lässt los von dem, was war. Im Münchner Tierkreis bewegen wir uns nun in das Zentrum des Kreuzviertels, weg von der Michaelskirche in Richtung Promenadeplatz …

Schattendasein

Unser Weg zum Promenadeplatz führt uns an einem beeindruckenden Gebäude vorbei, das auf dem Areal des ehemaligen Augustinerklosters steht und eine sehr zwiespältige Geschichte aufweist: das Polizeigebäude in der Ettstraße. Das schmucke Gebäude aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts erhielt im Nationalsozialismus den Beinamen “Mörderzentrale”, denn hier liefen die Fäden der Verfolgung von Minderheiten und Andersdenkenden zusammen. Dieses düstere Kapitel in der Geschichte Münchens versinnbildlicht gleich zu Beginn die Schattenseite von Macht, wie sie der Skorpion versinnbildlicht.

Dabei geht es dem Skorpion im Grunde seines Wesens lediglich um Prinzipien. Er leitet aus seinen Erfahrungen Vorstellungen über die Welt ab, die er wiederum zur Wahrheit deklariert. So neigt er dazu, die Welt in Richtig oder Falsch, Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß einzuteilen. Was nicht in die Schablonen seiner Denkmuster passt, wird passend gemacht – oder eliminiert. Diese extreme Klarheit verleiht ihm auf der einen Seite große Kraft, auf der anderen Seite wird die Vielfalt des Lebens auf das zurecht gestutzt, was als Idee akzeptiert wird. Alles andere wird ausgeschlossen.

kreuzviertel-skorpion-6

Interessanterweise zeigt das Gebäude auf seiner Westseite alle zwölf Tierkreiszeichen. Das prunkvolle Portal zeigt die Macht des Gesetzes: neben der figürlichen Darstellung der Gerechtigkeit entdecken wir einen Henker. Auf der nördlichen Seite, über dem Eingang, durch den Kriminelle in das Gebäude geführt werden, sind sechs leere Felder zu sehen. Sie trugen einst Darstellungen von sechs der sieben Todsünden.

Geheime Gesellschaften

Skorpione, so sagt man, lieben es, das Geheime zu ergründen. Sie hegen eine große Faszination für alles, was in den Tiefen verborgen ist. So wundert es nicht, dass das Herz des Kreuzviertels, der Promenadeplatz, gerahmt wird von zwei Personen, die sich in einem der eigenartigsten und berühmtesten Geheimbünde der Welt engagierten: am östlichen Ende das silberne Standbild des Grafen von Montgelas, Superminister unter Max I. Joseph, dem ersten König von Bayern, und am westlichen Ende die Skulptur des Geschichtsschreibers Lorenz Westenrieder.

kreuzviertel-skorpion-2

Die Geheimgesellschaft, von der hier die Rede ist, ist der Bund der Illuminaten, 1776 von Adam Weishaupt in Ingolstadt gegründet. München wurde zu ihrer Hauptstadt, denn hier war der Sitz der Regierung und die galt es im Sinne der Prinzipien der radikalen Aufklärung zu infiltrieren. Der Plan scheiterte. Die Illuminaten wurden von Kurfürst Karl Theodor verboten und verschwanden von der Bildfläche der Geschichte – nicht jedoch aus den Köpfen der Menschen. Bis zum heutigen Tag regen sie unsere Fantasie an: Sind sie wirklich zerschlagen worden? Oder wirken sie heimlich weiter, arbeiten im Hintergrund an einer Weltverschwörung? Ein Stoff für Bestseller und Kassenschlager.

kreuzviertel-skorpion-5

Diese Begeisterung aber für eine Sache, die auch gegen den Widerstand der Obrigkeit durchgesetzt werden will, ist ebenso ein Merkmal des Skorpions. Gerne widmet er sich einer Idee, die die Bedeutung seines persönlichen Leben übersteigt, wobei die Schwelle zum Fanatismus schnell überschritten ist.

kreuzviertel-skorpion-7

Im Bayrischen Hof, genauer gesagt in jenem Teil, der früher das Palais des Grafen Montgelas bildete, ist übrigens eine geheime Treppe zu besichtigen. Sie führt direkt vom Weinkeller in das Kabinett des Ministers, und zwar endet sie in einem Schrank. Wer wollte da wohl wen belauschen?

Die Macht aus der Tiefe

Das Kreuzviertel ist so etwas wie das Bankenviertel der Altstadt. Überhaupt sieht man hier wenig Wohnhäuser, sondern viele Büros, Kanzleien, Versicherungen. Insofern kann man mit Fug und Recht behaupten, dass wir es hier mit einem Zentrum der Macht zu tun haben – denn Geld regiert die Welt.

kreuzviertel-skorpion-3

Wundert es da, dass wir dem Gott des Reichtums an prominenter Stelle in einem der eindrucksvollsten Gebäude vorfinden? Wer durch das von zwei mächtigen Karyatiden bewachte Portal des neobarocken Palastes der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank schreitet, erblickt gleich das grimme Gesicht des Gottes der Unterwelt, Hades oder Pluto. Dieser Gott war nicht nur in der Unterwelt zu Hause, sondern herrschte über alle Schätze in der Erde. Und er ist der Gott, der dem Prinzip des Skorpions am nächsten kommt, sodass er in der modernen Astrologie diesem Tierkreiszeichen zugeordnet wird. Denn auch Skorpione lieben es, verborgene Schätze zu heben und wissen: so manche Information, die im Verborgenen blüht, führt zu großem Reichtum – und vor allen Dingen Macht.

kreuzviertel-skorpion-4

Die Faszination des Unheimlichen

Weil das Kreuzviertel nach Geschäftsschluss – bis auf den Promenadeplatz – fast menschenleer wird, ist es der ideale Tummelplatz für die Wesen der Nacht. In keinem anderen Viertel gehen so viele Geister und Gespenster um wie hier.

kreuzviertel-skorpion-8

Ein besonders unheimlicher Ort ist der so genannte Jungfernturm bzw. das, was von diesem Teil der ehemaligen Stadtmauer Münchens übrig geblieben ist – tatsächlich der letzte oberirdische Rest der Befestigungsanlage überhaupt. In diesem Turm, von dem nur noch die Rückwand steht, sollen einst geheime Hinrichtungen stattgefunden haben, besonders zur Zeit der Verfolgung von Dissidenten unter Kurfürst Karl Theodor. Historisch belegt ist dies freilich nicht – aber die Gerüchte hielten sich hartnäckig. Schreckliche Schreie sollen des Nachts aus seinen Gemäuern gedrungen sein, dass Vorbeigehenden das Blut in den Adern gefror. Auch heute noch sollen an dieser Stelle die Geister der Henker umgehen, die so manchen Mitbürger unschuldig ins Jenseits befördert haben.

kreuzviertel-skorpion-9

Die Faszination für das Schaurige kennzeichnet den Skorpion. Darum dürfte er in diesem Viertel mit den zahlreichen unheimlichen Ecken, düsteren Winkeln und den damit verbundenen Gruselgeschichten voll auf seine Kosten kommen.

Die Kraft des Skorpion spüren

Die Kraft des Skorpion hilft uns, eindeutig zu werden. Wie oft bleiben wir lieber unverbindlich, zögern Dinge hinaus, wollen uns nicht festlegen – und kommen am Ende zu nichts. Wer die Kraft des Skorpion in sich weckt, kennt keine Kompromisse mehr: Er weiß, was er will, sagt entweder Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Hü oder Hott. Das kann in vielen Situationen des Lebens sehr wichtig sein. jeder der genannten Orte in diesem Viertel ist geeignet, sich mit dieser Kraft zu verbinden und sich dort vielleicht eine der folgenden Fragen zu stellen:

  • Wann im vergangenen Jahr habe ich mit großer Klarheit meinen Lebensweg eingeschlagen – ohne Kompromisse zu machen und Rücksicht zu nehmen? Wie hat sich dies angefühlt?
  • Welche Entscheidungen im kommenden Jahr stehen an, die genau diese Kraft von mir verlangen? Welche zweifelnden Stimmen – im Innen wie im Außen – muss ich dafür bezwingen?
  • Wie ist es um meine Akzeptanz meiner Schattenseiten bestellt? Welche Schätze verbergen sich in meinen eigenen seelischen Tiefen – und wollen gehoben werden? Welchen Dämonen muss ich mich stellen, um in diese Tiefen einzutauchen?

So kommst du zum Promenadeplatz

Weitere Beiträge zu den Rauhnächten

Lies hier die letzten Beiträge unserer neuen Reihe – oder stöbere in der Raunächteserie des vergangenen Winters.