Wem wirst du heute begegnen?

Silvester – das ist die Nacht, in der wir den Wechsel in das Neue Jahr feiern.

Es hat sich dabei eingebürgert, dies mit viel Krach und Lärm zu tun: Wir schießen Raketen in die Luft, lassen es Knallen und Pfeifen, Glocken erklingen und erhellen den Nachthimmel mit Feuer und Licht.

Auch wenn man sich über die Sinnhaftigkeit dieser Ausgaben streiten kann, bleibt im Kern eine uralte Tradition übrig, die in dieser Form im Fernen Osten sein Vorbild, aber auch in unseren Breiten ihre Entsprechung hat: das Vertreiben der Geister des alten Jahres durch Licht und Lärm. Ansonsten ist es für die meisten Menschen eher ein weiterer willkommener Anlass, sich mit Freunden zu treffen und zu feiern.

Doch gerade in diesem letzten Punkt hat sich die Botschaft dieser achten Raunacht auf eigenartige Weise erhalten. Denn eine der wichtigsten Fragen, die sich viele im Vorfeld von Silvester stellen, lautet: Mit wem werde ich in das Neue Jahr hineinfeiern? Wen wollen wir um uns herum haben, wenn wir den Schritt in die Zukunft wagen?

Auch im vergangenen Jahr haben viele Menschen unser Leben begleitet. Wir werden Menschen begegnet sein, die uns auf unserem Weg gefördert haben, aber auch solchen, die uns augenscheinlich das Leben schwer gemacht haben.

Es ist wichtig, dass wir nicht im Groll mit ihnen in das neue Jahr gehen, sondern uns innerlich mit ihnen aussöhnen, indem wir fragen:

“Angenommen, hinter der Begegnung mit diesem oder jenem Menschen steckt eine gut Absicht des Lebens – welche könnte das sein?”

Auf diese Weise fragen wir nach den Kraftquellen, die eine unliebsame Begegnung in uns geweckt hat, und sei es bestimmte Erkenntnisse über uns selbst, auf denen wir nun im kommenden Jahr aufbauen können und so eine Wiederholung solcher Begegnungen vermeiden können. Auch einer Lösung von Konflikten mit diesen Menschen bereiten wir auf diese Weise innerlich den Boden vor.

So wie unser Blick in dieser Nacht mal in die eine, mal in die andere Richtung geht, mal in die Vergangenheit, mal in die Zukunft, scheinen diese beiden Pferde sich voneinander wegzubewegen – um sich gleich wieder anzunähern? Hier tanzen sie:

Der Gott mit den zwei Gesichtern

janusMit dem Neujahrstag beginnt der Monat Januar, der seinen Namen nach dem altrömischen Gott Janus hat. Vielleicht ist er sogar einer der ältesten Götter des römischen Pantheons. Er ist der Gott des Anfangs und des Endes, entsprechend hat er zwei Gesichter – eines blickt in die Vergangenheit, das andere in die Zukunft. In manchen Darstellungen hält er in der rechten Hand einen Stab, in der linken aber einen Schlüssel, das Symbol seiner Macht über die Himmelspforte. Manche sagen, er hätte einen goldenen und einen silbernen Schlüssel, mit dem einen öffnet er die Tore der Wintersonnenwende,  mit dem anderen die der Sommersonnenwende. Die Tore der Wintersonnenwenden, wenn die Sonne in den Steinbock wandert, heißen die Tore der Götter – die Kräfte der Sonne wachsen wieder, wenn sie geöffnet werden. Die Tore der Sommersonnenwende aber heißen die Tore des Menschen, und wenn sie geöffnet werden, dann steigen die Kräfte der Sonne wieder hinab zur Erde.

Der Schlüssel ist ein starkes Symbol für die Nacht auf den ersten Januar, bedeutet er doch, dass wir die Kraft finden müssen, das Alte abzuschließen und uns für das Neue zu öffnen. Es ist ein Akt der Befreiung von den Fesseln der Vergangenheit. Der Stab – manchmal ist es auch eine Peitsche – diente Janus dazu, alles, was nicht durch die Türe des Übergangs gehen sollte abzuhalten.

Ursprünglich ist Janus wohl das Gegenstück der Göttin Jana oder Diana, der Mondgöttin, und war entsprechend ein Licht- und Sonnengott. Später wurde er zum Gott des Ursprungs, der Anfänge und Enden, der Türen und Tore, zum Hüter der Schwelle, der Übergänge, der Brücken – und als Gott des Ursprungs auch der Quellen. Ebenso war er bei jeder Geburt anwesend. Das erste Gebet des Tages gebührte stets Janus.

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