Die letzte Raunacht – das Finale. Die Rundreise durch den Münchner Tierkreis ist abgeschlossen. Die Zeit zwischen den Jahren ist […]

Die zwölfte Raunacht, das letzte Tierkreiszeichen. Nachdem der Wassermann alle Ordnung infrage gestellt hat, kommt nun der Augenblick, uns ganz von der Ordnung zu verabschieden. Mit den Fischen löst sich alles in Wohlgefallen auf, wir erreichen den Moment, in dem wir uns von allen Konventionen, Bedingungen und Pflichten befreien – und nur noch so sind, wie wir im Grunde unseres Herzens wirklich sind. Der Augenblick der Wahrheit – wo könnte man ihn trefflicher begehen als an dem Ort in München, wo alle Unterschiede verschwinden und nur noch das Aufgehen in der Masse zählt?
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Wo Ordnung herrscht, ruft sie immer auch eine Gegenbewegung hervor. Gesetze, Regeln, Gewohnheiten mögen das soziale Leben aufrecht erhalten, doch sie verhindern zugleich auch die Weiterentwicklung einer Gemeinschaft, wenn starr an ihnen festgehalten wird. Strukturen sind nötig, um das Leben zu stabilisieren, doch wenn sie nur um ihrer selbst willen bestehen und den Anschluss an Wachstum und Veränderung verlieren, werden sie zur Last – und rufen Gegenkräfte auf den Plan, welche die Ordnung infrage stellen. Und genau darin begegnen wir dem Prinzip des Wassermann …
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Mit dem Odeonsplatz haben wir eine weitere Grenze überschritten und sind im letzten der vier Viertel der Münchner Altstadt angekommen, dem Graggenauer Viertel. Graggenau, dieses eigenartige Wort erinnert daran, dass wir uns in relativer Isarnähe befinden, wo es die Auenwälder gab. Und die “Gragg’n”, das sind die Krähen, die schwarzen Vögel, dort wohl zuhauf anzutreffen waren. Heute wird dieses Viertel dominiert von der Residenz, dem Stadtschloss der Wittelsbacher, dem Zentrum ihrer Macht. Genau dorthin lenken wir unsere Schritte, um die Kraft des Steinbocks zu spüren …
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Die neunte Raunacht gehört dem Tierkreiszeichen Schütze. Ein wesentliches Merkmal dieses Zeichens ist sein Bedarf an Raum und Weitblick. Sicherlich gefallen ihm die weitläufigen Palais des Kreuzviertels mit ihren prunkvollen Fassaden. Doch sein Herz dürfte erst wirklich aufgehen, wenn er die engen Gassen verlässt und sich sein Blick weiten darf – auf dem Odeonsplatz dessen südlicher Abschluss die Feldherrnhalle mit ihrer Panoramatreppe bildet …
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Die achte Raunacht gehört dem Prinzip des Skorpion. Zugleich ist es die Nacht des Jahreswechsels, Silvester, der genau in die Mitte der Raunächte fällt. Jetzt wird es ernst, könnte man sagen. Wir überschreiten die Schwelle in das Neue Jahr, es gibt kein zurück mehr. Es ist Zeit für Orakel, mit denen wir die Zukunft ausloten wollen, Zeit für Vorsätze, denen wir uns in diesem magischen Augenblick verpflichten. Das Geheimnis dieser Raunacht schafft Verbindlichkeiten für das, was kommt – und lässt los von dem, was war. Im Münchner Tierkreis bewegen wir uns nun in das Zentrum des Kreuzviertels, weg von der Michaelskirche in Richtung Promenadeplatz …
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Mit der siebten Raunacht wechseln wir nicht nur das Tierkreiszeichen, sondern auch das Altmünchner Viertel: wir gelangen ins Kreuzviertel, das sich nordwestlich des Marineplatzes erstreckt. Wie zuvor auch begegnen wir als erstes einem so genannten kardinalen Tierkreiszeichen. Das Wort “kardinal” verweist auf die Bedeutung des Zeichens als Türöffner hin, denn das lateinische “cardo” bedeutet “Türangel”. An der Schwelle zum Kreuzviertel treffen wir auf die Waage, jenem Zeichen, in das die Sonne tritt, wenn wir Herbstanfang haben, und zwar stellvertretend in Gestalt des Schutzpatrons einer der wohl eindrucksvollsten Kirchen unserer Stadt – der Michaelskirche.
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Das Hackenviertel hat seinen Namen von einem umfriedeten Grundstück, das sich wohl einst hier befand, einem so genannten Hag. Ein Zaun umgrenztes also ein Stück Land, vielleicht einen Garten. Der Zaun markierte in früheren Zeiten nicht nur den Besitz, sondern auch die Grenze zwischen drinnen und draußen, zwischen Heim und unheimlich, zwischen Ordnung innerhalb und Wildnis außerhalb. Ordnung – das ist das zentrale Thema des Tierkreiszeichens, dem wir in unserer letzten Etappe in diesem alten Münchner Stadtviertel begegnen: der Jungfrau. Doch geht es hier nicht darum ordentlich zu sein, sondern vielmehr, seine eigene Ordnung zu finden, den Platz in der Welt, der zu uns passt …
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Hinter der Asamkirche beginnt das alte Hackenviertel. Und wie alle anderen Viertel hat es einen Mittelpunkt, ein Zentrum, um das sich alles bewegt. Während in den drei anderen Vierteln ein Platz deutlich diese Rolle übernimmt, ist es im Hackenviertel nicht ganz so offensichtlich. Erst auf den zweiten Blick offenbart eine ganz bestimmte Stelle ihre Besonderheit: das sagenumwobene Kreuz. Dabei handelt es sich um eine Kreuzung, die eigentlich keine ist. Und genau hier finden wir auch unser nächstes Tierkreiszeichen: nach dem dunklen, wässrigen Krebs treffen wir hier auf den strahlenden Löwen …
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Nachdem wir die Sendlinger Straße überquert haben – immer noch dem Lauf der Sonnen von Ost über Süd nach West folgend – betreten wir das Hackenviertel, das südwestliche Viertel der Altstadt. Wir gelangen in einen neuen Abschnitt des Münchner Tierkreises – und treffen auf den KREBS. Einer der Höhepunkt der Straße ist die Asamkirche. Täglich lockt dieses Meisterwerk des Spätbarock zahllose Besucher an. Nachdem sie die dunklen Holztüren geöffnet haben, betreten sie einen zunächst dunkel wirkende Raum – der sich bald, wenn das Auge sich daran gewöhnt hat, in eine wahrhaftige Schatzhöhle verwandelt …
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