Auf welche Fehler freust du dich?

Jede Ordnung braucht Veränderung, jede Struktur trägt den Keim zu ihrer Zerstörung bereits in sich.

Wenn eines sicher ist, dann dass nichts sicher ist. Dort, wo wir wetten, dass alles für immer so bleiben wird, wie es ist, müssen wir uns darauf gefasst machen, enttäuscht zu werden. Darum ist es besser, sich dem Gesetz des Werdens und Vergehens rechtzeitig zu beugen.

In dieser Raunacht wird uns vielleicht bewusst, dass die beste Planung uns nicht davor bewahren kann, dass es immer anders kommt, als wir denken. Ein Plan kann uns auf ein Ziel ausrichten, aber seine Umsetzung kann über Umwege erfolgen. Nur wenn wir eine starre Vorstellung davon haben, wie die Dinge zu laufen haben, wird das ein Problem für uns darstellen. Diese Raunacht will uns zeigen, dass wir damit rechnen müssen, dass unsere Pläne nicht aufgehen, dass etwas schief läuft – und wie wir dann damit umgehen können.

Noch einen Vorteil hat diese Betrachtungsweise: Wir kommen auf Umwegen mit Dingen, Themen und Menschen in Berührung, mit denen wir gar nicht gerechnet haben. Auf diese Weise bringt uns der Mut zur Abweichung mit neuen Chancen in Berührung.

Natürlich geht es darum, unsere Visionen im Auge zu behalten. Aber wie wir dort hinkommen und ob wir unsere Planungen wirklich punktgenau einhalten, steht hier infrage. Nutzen Sie also diese Raunacht, um sich mit der Fehlerhaftigkeit Ihres Lebens auseinanderzusetzen. Sie könnten sich fragen:

  • Wo habe ich schon einmal einen Fehler gemacht, der sich am Ende als erster Schritt Richtung Erfolg erwiesen hat?
  • Welchen Fehler würde ich auf alle Fälle noch einmal machen?

Diese merkwürdigen Fragen bringen Sie auf die Spur Ihrer eigenen Fähigkeit, aus Umwegen zu lernen und das dort Erfahrene erfolgreich in das eigene Leben einzubinden.

Der Wolfskopf ist Teil des Wolfs- oder Rotkäppchenbrunnen am Kosttor.

Rotkäppchen und der böse Wolf – die Kunst vom rechten Wege abzukommen

wolfsbrunnenDer Wolfsbrunnen, auch Rotkäppchenbrunnen genannt, ist das Werk der Bildhauer Heinrich Düll und Georg Petzold und wurde 1904 errichtet. Gestiftet wurde er von Adolf und Apollonia Wolf, die damit ihrem Namen ein Denkmal setzen wollten. Wir sehen auf der Säule Rotkäppchen im Zwiegespräch mit dem Wolf. Sie scheint ihm gerade zu erklären, wohin des Weges sie ist – und betört der Wolf das Mädchen nicht gerade, es doch einmal mit einem Umweg zu versuchen?

“Da gieng er ein Weilchen neben Rothkäppchen her, dann sprach er „Rothkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig haußen in dem Wald.“

So erzählen es die Brüder Grimm. Der Wolf rät ihr dazu, den rechten Weg zu verlassen – und appelliert an ihre Lust auf etwas Neues. Und tatsächlich:

Rothkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte es „wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und gerieth immer tiefer in den Wald hinein.”

Wir wissen, wie diese Geschichte ausging. Doch die Botschaft dieser einen Szene ist eine ganz andere: das Schöne und Interessante liegt nicht auf dem Weg der Gewohnheiten, sondern dort, wo wir von diesen Gewohnheiten abweichen, wo wir etwas wagen. wo wir uns von unseren Sinnen und Instinkten leiten lassen (der animalischen, wölfischen Seite in uns) und die Zwänge der Zivilisation einmal hinter uns lassen. Dort blühen die Blumen der Kreativität.

Und? Wo wirst du heute einmal vom rechten Weg abkommen – und etwas Neues erleben?

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