Hinter der Asamkirche beginnt das alte Hackenviertel. Und wie alle anderen Viertel hat es einen Mittelpunkt, ein Zentrum, um das sich alles bewegt. Während in den drei anderen Vierteln ein Platz deutlich diese Rolle übernimmt, ist es im Hackenviertel nicht ganz so offensichtlich. Erst auf den zweiten Blick offenbart eine ganz bestimmte Stelle ihre Besonderheit: das sagenumwobene Kreuz. Dabei handelt es sich um eine Kreuzung, die eigentlich keine ist. Und genau hier finden wir auch unser nächstes Tierkreiszeichen: nach dem dunklen, wässrigen Krebs treffen wir hier auf den strahlenden Löwen …

Eine Kreuzung – die keine ist

Das so genannte Kreuz wird gebildet aus vier aufeinander treffenden Straßen. Von Osten kommend trifft die Brunnstraße auf die Josephspitalstraße im Westen. die von Süden kommende Kreuzstraße wiederum trifft dort auf die Damenstiftstraße, die weiter nach Norden Richtung Neuhauser Straße führt. Man könnte auch sagen, dass von diesem Punkt aus sich vier Straßen in die vier Himmelsrichtungen ausdehnen. Am oder “aufm Kreuz” – dieser Name ist seit dem 16. Jahrhundert überliefert. Es war schon immer ein mysteriöser Ort, um den sich einige Sagen ranken – nichts davon lässt sich historisch belegen, aber offenbar regte er die Fantasie der Menschen an.

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Der Name “Kreuz” soll auf ein Haus schräg gegenüber der Kirche zurückgehen, an dessen Fassade sich einst ein Kreuz befand. Dieses Haus soll verflucht sein und keiner es länger als ein halbes Jahr darin aushalten, denn die Seelen unschuldig von der Feme Verfolgter sollen dort noch heute umgehen. Die Feme war ein geheimes Gericht, das vor allem bei todeswürdigen Vergehen eingeschaltet wurde und aus den angesehensten Bürgern der Stadt bestand, wobei die Mitgliedschaft in der Feme geheim war. Der südliche Teil wurde auch “bei der Linde” genannt, und so erzählte man sich, dass hier einst eine Gerichtslinde stand, unter dem diese mysteriösen Gerichte des Nachts abgehalten wurden – und die Urteile auch vollstreckt wurden.

Unheimliche Kreuzwege

Ein unheimlicher Ort also. Kreuzungen dieser Art sagte man ohnehin nach, sie seien nicht ganz geheuer, insbesondere in der Nähe von Kirchen und Friedhöfen. In dunklen Nächten, vor allen Dingen in den Raunächten, suchte man sie auf, um dort die Geisterzüge zu beobachten. Dann zeigten sich unter den Seelen der Verstorbenen auch die Gesichter derjenigen, die im kommenden Jahr sterben würden …

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Von diesem Spuk ist heute nicht mehr viel zu spüren. Und doch finden wir noch heute deutliche Zeichen dafür, dass dieser Ort ein Mittelpunkt der ganz eigenen Art ist. An drei der vier Ecken der Kreuzung sehen wir Hauszeichen. Am nordöstlichen und südöstlichen Eck sehen wir die Muttergottes, einmal als Himmelskönigin, dann als in Stein gehauene Maria im Birnbaum. Vom nordwestlichen Eck blickt der Heilige Sebastian auf die Straßen herab. Wenn es am südwestlichen Eck auch eine solche Figur gegeben hat, so ist sie im Weltkrieg verloren gegangen. Es ist bezeichnend, dass diese Kreuzung gleich drei (oder vier?) Wächter hat.

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Löwe – der König unter den Tierkreiszeichen

Wo viel Schatten ist – ist auch viel Licht! Vom Löwen wissen wir, dass er gerne im Mittelpunkt steht. Für ihn dreht sich die Welt in erster Linie und wie ganz selbstverständlich um ihn. Er genießt die Aufmerksamkeit der anderen, die er gerne um sich herum schart, sodass sie einen Kreis der Bewunderer um ihn bilden. Neben der gehörigen Portion Eitelkeit, die diesem Tierkreiszeichen nachgesagt wird, ist aber auch die Schöpferkraft des Löwen zu betonen, der sein Licht gerne in alle Richtungen strahlen lassen möchte – und dabei sehr großzügig ist. In seinem Licht gedeihen viele Pflanzen und nur zu gerne ist er bereit, anderen von seiner Kraft abzugeben. Kein Wunder, dass das strahlendste Gestirn am Himmel ihm zugeordnet wird – die Sonne.

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Und die Sonne ist es auch, die die Verbindung zwischen dem Löwen und unserem Kreuz im Hackenviertel herstellt, denn das älteste astrologische Symbol für den Stern, um den sich in unserem Planetensystem alles dreht, ist ein Kreis – mit einem Kreuz darin.

Das strahlende Licht der Sonne

Rund um das Kreuz finden wir einige schöne Beispiele für Sonnensymbolik und damit für die Gegenwart des Löweprinzips. In der Kreuzkirche beispielsweise steht eine wunderschöne Madonna – umgeben von einem Feuerkranz aus goldenen Sonnenstrahlen. An der Damenstiftskirche prangen die flammenden Herzen der Salesianerinnen, umgeben von goldenem Licht. Und in der Brunnstraße grüßt uns eine Jungfrau Maria von der Hausfassade – aus einem goldglänzenden Kreis heraus. Selbst der Heilige Sebastian trägt einen Kranz aus Sonnenstrahlen als Heiligenschein um sein Haupt! Auch dass die Muttergottes gleich zweimal als Himmelskönigin zugegen ist, betont die königliche Würde des (Sonnen-)Kreuzes – und damit die Kraft des Löwen.

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Die Kraft der Sonne, ihr Licht und ihre Wärme besiegt die Dunkelheit mit ihren nagenden Zweifeln, ihrer lähmenden Melancholie. Der Löwe strahlt uns an und lockt uns aus der Reserve. Wir stellen keine Fragen mehr – wir geben Antworten! Wir werden zum Schöpfer unseres Lebensweges.

Goldglänzend treffen wir schließlich auf den Löwen selbst. Auf unserem Weg zum letzten Zeichen des Hackenviertels, der Jungfrau, recht er sich stolz und erhaben über uns und in die Höhe. Als wollte er sagen: “Vergiss nicht – nur du kannst bestimmen, wie dein Leben verlaufen wird. Nimm es in die Hand!”

Die Kraft des Löwen spüren

Wer sich mit der Kraft des Löwen verbinden möchte, der statte dem Kreuz einen Besuch ab – und versäume nicht, die oben genannten Sonnensymbole aufzusuchen und sich in ihren Anblick für einen Augenblick meditativ zu versenken. Vor allen Dingen die Kreuzkirche bietet für besinnliche Minuten gute Gelegenheiten. Folgende Fragen können beim Nachspüren der Löwekraft in uns hilfreich sein:

  • Wie war es in diesem Jahr um meine Kreativität bestellt? An welche Augenblicke erinnere ich mich, in denen ich meine Schöpferkraft intensiv gelebt habe?
  • Wie kann es mir gelingen, im kommenden Jahr mein Licht nicht weiter unter den Scheffel zu stellen, sondern es aus mir heraus leuchten zu lassen? Wo möchte ich meine Kraft investieren, im Mittelpunkt stehen und mich schöpferisch verausgaben?
  • Welche Schatten möchte ich mit dem Licht der Hoffnung, der Liebe und der Zuversicht in meinem leben vertreiben? Wie sieht meine Welt aus, wenn ich dem Licht endlich die Chance geben, meinen Lebensweg hell zu erleuchten?

So kommst du zum Kreuz

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