Die Nacht der Frau Holle.

Die dreizehnte Nacht bildet den krönenden Anschluss der Raunächte. In der christlichen Mythologie erreichen nun die Drei Heiligen Könige, die Weisen aus dem Morgenland, die dem Stern gefolgt waren, das Kind in der Krippe, um ihm als neuen König der Welt Geschenke zu überbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Was in den letzten zwölf Tagen und dreizehn Nächten im Verborgenen gedieh, wird nun sichtbar, tritt in Erscheinung. Die Zeit der Dunkelheit ist vorüber, das Licht ist durch die finsteren Tage hinüber gerettet worden und kann nun alleine bestehen. Mit dieser letzten Nacht schließen sich aber auch die Pforten zu jenem Reich, das vom Heiligen Abend in unsere Wirklichkeit reichte und uns den Kontakt mit den Wesen aus der anderen Welt ermöglichte.

Doch noch ein letztes Mal trumpft die andere Seite in dieser Nacht auf: Frau Percht und in manchen Gegenden Frau Holle tritt nun höchstpersönlich auf den Plan. Es heißt, dass sie in dieser Nacht auf wilder Jagd durch die Lüfte saust und noch einmal über die Faulen und die Fleißigen zu Gericht sitzt. In vielen Gegenden stellte man Speisen auf das Dach des Hauses, damit sie sich im Vorbeiflug daran erfreuen könnte, oder man deckte ihr einen Tisch im Freien. Wer Frau Holle die Ehre erweist, den beschenkt sie vielleicht mit einem goldenen Flachsknoten oder mit Goldstücken am Grunde eines Eimers.

In dieser besonderen Nacht geschehen noch einmal Wunder: Tiere sollen sprechen können und wer ihnen heimlich lauscht, wird die Zukunft erfahren. Genau um Mitternacht, so heißt es, öffne sich der Himmel und die Heilige Dreifaltigkeit erscheine. Wer dann nach oben blickt, dem gehen drei Wünsche in Erfüllung. An sich aber gilt diese letzte Raunacht als die gefährlichste und so sollte man besser zuhause bleiben. Anstelle dessen kann man genau um Mitternacht alle Fenster und Türen öffnen, sodass der segensreiche Dreikönigswind durch Haus fahren können, denn der nimmt das letzte Rest des Übels mit sich und trägt es weit fort, während er Glück hinterlässt.

Manche schneiden in dieser Nacht eine Wünschelrute, am besten aus dem Zweig eines Haselnussstrauchs, denn man sagt, dass diese unfehlbar sei. Wenn man sie nach einem der Namen der drei Magier aus dem Morgenland tauft, wird sie jeweils etwas anderes finden: Wer sie Caspar nennt, wird Gold finden, Balthasar findet Silber und Melchior findet Wasser.

In dieser letzten Nacht gibt es nichts, was wir bedenken und überlegen müssten. Es ist die die Nacht, in der wir einfach nur dem Nachklang der rauen Nächte lauschen, ihrem Widerhall in uns selbst.

Dieses Bild erinnert an die Schreckgestalt der Frau Perchta – und befindet sich an der Nordseite des Justizpalastes.

Frau Perchta

perchtenlauf-kirchseeon-2014Frau Perchta ist eine Sagengestalt, die sich in verschiedener Weise in der kontinentalgermanischen und slawischen Mythologie findet. Sie ist vermutlich unter Assimilation keltischen Substrats aus der germanischen Göttin Frigg hervorgegangen. Ihr entspricht in Mitteldeutschland die Sagengestalt Frau Holle. Der Name ist möglicherweise von althochdeutsch peraht ‚hell, glänzend‘ abgeleitet und bedeutet demnach „Die Glänzende“. Andere Vermutungen gehen dahin, dass der Name Percht/Perchta keltischen Ursprungs ist.

Frau Holle ist also keine geringere als die, die den Faden der Zeit und des Lebens spinnt. Und wer über das Leben herrscht, der herrscht auch über den Tod. Gerade in der dunklen Zeit des Mittwinters, in der die Natur verschwunden ist unter der Oberfläche, bedeckt mit Eis und Schnee, werden wir uns der Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Dieser Aspekt der Todes ist auch in der guten Frau Holle gegenwärtig, wenn man bedenkt, dass in diese Märchen- und Sagengestalt Züge der alten germanischen Unterweltsgöttin Hel eingeflossen sein könnten – denken wir nur an das unterirdische Reich der Frau Holle. Doch noch viel drastischer verkörpert diesen unheimlichen und zerstörerischen Aspekt das Pendant der Frau Holle im süddeutschen Raum: die Frau Perchta oder Bertha.

Vermutlich geht diese Figur auf eine vorkeltische weibliche Fruchtbarkeitsgöttin zurück, die dann Eigenschaften der germanischen Holle übernommen, aber wesentliche Eigenheiten behalten hat. Ähnlich wie Frau Holle hat sie etwas gegen Faulheit und belohnt die Fleißigen. Doch anders als die mitteldeutsche Gottheit sind ihre Strafe auf eine Weise drakonisch, dass verständlich ist, warum Frau Perchta weniger Märchenfigur als Todesdämonin geworden ist. Harmlos sind noch die Albträume, die sie Ungehorsamen beschert. Ihr Atem gilt als tödlich und ihr Blick macht blind. Mit Frau Holle teilt sie ihre Vorliebe für Brunnen und Teiche als Wohnstätten, auch sie hütet dort die Seelen der noch nicht geborenen Kinder und ist damit eine, die für Nachwuchs sorgen kann.

Wie der Wilde Jäger und Frau Holle saust sie in den Raunächten durch die Lüfte und zieht eine Schar johlender Geister hinter sich her. Sie rasselt dabei gerne mit Eisenketten. Ansonsten kennzeichnet sie eine übergroße Nase und ist insgesamt von hässlicher Gestalt, ganz gemäß ihres schaurigen Charakters.

In der Gestalt der Perchta begegnen uns die Winterdämonen in ihrem unheimlichsten Gewand. Es sind schreckliche Wesen, die uns bedrohen und uns nach unserem Leben trachten, schattenhafte Wesen, die über die Kräfte der Natur herrschen, denen wir als Menschen hilflos ausgeliefert sind.

In den Raunächten geht die Frau Percht um in Gestalt eines alten Mütterchen. Ihr folgt eine Schar Kinder, die ungetauft gestorben sind. Mit diesen zieht sie von Haus zu Haus und während die Familien nachts zur heiligen Messe gingen, kehrte sie ein. Zu diesem Zwecke hatte die gute Bäuerin schon am Vorabend einen Tisch für sie und die Kinder hergerichtet, gedeckt mit weißem Leintuch, darauf eine Schüssel Milch und einen Löffel daneben. Mehr war nicht nötig, denn wenn die Frau Percht kam, setzte sie sich mit den Kindern an den Tisch und jedes genoss nur einen einzigen Tropfen aus der Schüssel. In einem Haus, in dem sie so bewirtet wurde, sollte das ganze Jahr Glück und Frieden herrschen. Nur eine Bedingung war zu beachten: Während ihres Geistermahls durfte sie und ihr Gefolge nicht beobachtet werden.

Einmal wollte ein Knecht beweisen, dass die ganze Geschichte mit der Frau Percht nichts als reiner Aberglaube sei und versteckte sich. Tatsächlich kam ein uraltes Weiblein in die Stube und mit ihr eine schier nicht enden wollende Zahl an Kindern. Der Perchta entging nicht, dass sich der Knecht versteckt hatte und bestrafte ihn mit Blindheit. Erst in der nächste Perchtnacht wurde der Mann von diesem Fluch befreit.

Unser Bild zeigt die Frau Perchta, wie sie beim traditionellen Perchtenlauf in der Gemeinde Kirchseeon bei München auftritt. Hier erscheint sie in janusköpfiger Gestalt: eine dämonische Seite und eine strahlende Seite, Sonne und Finsternis zugleich. Dadurch wird ihr ambivalenter Charakter besonders hervorgehoben.

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