0 – Der Narr

Das Geheimnis des Moriskentänzers
am Alten Rathaus

In dieser Reihe tauchen wir tiefer ein in den Kosmos des München-Orakels, das auf den 22 Großen Geheimnissen des Tarot basiert. Jeder Karte ist ein Ort mit einem Symbol zugeordnet. Hier erfährst du, was hinter der Wahl des Symbols steckt und welche Bedeutung dieser Ort darüber hinaus hat. Denn viele der Sehenswürdigkeiten, die wir in das Kartenspiel aufgenommen haben, sind zugleich bedeutende Kraftplätze in unserer Stadt …

Am Eingang zum Alten Rathaus tänzelt er auf einer Säule: ein einsamer Moriskentänzer. Seine Kollegen befinden sich in Kopie eine Etage höher, im großen Saal des Rathauses, wo sie wie eh und je das geschehen zu ihren Füßen beobachten, während sie ihre Körper in grotesken Verrenkungen drehen. Im Original können wir sie im Stadtmuseum besuchen und die ausgesprochen künstlerische Anfertigung dieser eigenartigen Skulpturen aus nächster Nähe in Augenschein nehmen.

Groteske Kunststücke

Geschaffen hat sie der damals noch knapp dreißigjährige Bildschnitzermeister Erasmus Grasser im Jahre 1480. Er erhielt den Auftrag, für den Tanzsaal sechzehn dieser Figuren zu gestalten, die bis heute als die Moriskentänzer von München bekannt und in ihrer Machart einzigartig sind. Der junge und in seiner Zeit nicht unumstrittene, aber sehr gefragte Künstler schuf Meisterwerke der gotischen Schnitzkunst. Sie gehören heute zu den kostbarsten Schätzen, die die Stadt München vorzuweisen hat. Zehn dieser grotesken Tänzer aus Lindenholz fanden auf Konsolen in dem umlaufenden Wappenfries unter dem  Tonnengewölbe des Saales ihren Platz, fünf an jeder Seite. Dort überdauerten sie die Jahrhunderte. Von den fehlenden sechs Figuren, die ursprünglich im Auftrag vorgesehen waren, fehlt bis heute jede Spur.
Sie tragen klingende Namen: Orientale, Mohr, Hochzeiter, Burgunder, Frauenhut, Prophet, Bauer, Schneiderlein, Zauberer, Gezaddelter – wie die Figuren eines eigenartigen Maskenspiels. Der Moriskentanz hat seinen Ursprung wohl in den maurischen Gebieten Nordafrikas von den „moriscos“, den Mauren, wurzelt also aller Wahrscheinlichkeit nach in der arabischen Kultur des ehemals besetzten Spanien.

Frau Welt und ihr Narr

Im Mittelpunkt des Geschehens taucht immer wieder die Gestalt einer Frau auf, die wie eine Preisrichterin einen Apfel oder einen Ring in der Hand hält. Der wilde Tanz gleicht einem Werbetanz um die Gunst dieser Frau, die denjenigen belohnen wird, der sie mit den ungewöhnlichsten Tanzfiguren beeindrucken kann. Das Ganze wirkte wie eine unterhaltsame Persiflage auf das Liebesspiel der Geschlechter und hatte sicherlich frivole Züge, die so manchem Sittenwächter in dieser Zeit die Schamesröte ins Gesicht treiben musste. Dies war kein gewöhnlicher Tanz, sondern ein sinnlicher Rausch, angefeuert durch den treibenden Klang der Musik und dem rhythmischen Stampfen im scharfen Dreierrhythmus, untermalt von ekstatischem Rassel- und Schellenklang. Entsprechend wurde der Tanz auch vermehrt in den Tagen des Jahres aufgeführt, in denen diese Art von Darbietungen wenigstens geduldet wurden, nämlich in der Fasnachtszeit.

In einigen Darstellungen taucht die Frau auch mit einem Spiegel in der Hand auf, als venusgleiche „Frau Welt“, die ewige lockende und ins Verderben stürzende Verführung der weltlichen Sinnenfreude. Der Apfel in ihrer Hand ist das Symbol der Sünde, der Spiegel das Zeichen der schlimmsten aller Todsünden, der superbia, der Hochmut. In unserem München-Tarot werden wir sie noch kennen lernen – als 21. Karte „Die Welt“. Der Narr trägt im Tarot die Ziffer 0 – den leeren Kreis. Der Kreis des Tänzers um die Mitte, aber auch der Kreis von Werden und Vergehen. Wenn man die Karten des Tarot von 0 bis 21 im Kreis legt, dann kommen der tanzende Narr als erste Karte und die tanzende Frau Welt als letzte Karte nebeneinander zu liegen. Anfang und Ende sind eins – der Kreis schließt sich.

Tanz der Planeten im Alten Rathaus

Im Tanzsaal des Münchner Rathauses erfüllten sie mit Sicherheit eine symbolische Funktion im Raumganzen. Die Decke war übersät mit goldenen Rundnägeln wie das nächtliche Himmelszelt. Die Moriskentänzer sind am Fuß dieses Firmaments zu finden. Der Humanist Conrad Celtis dichtete etwa zur Zeit der Moriskentänzer folgendes, dazu passendes Epigramm:

Maurisci ut circum pulchram saltant mulierem
Et vario gestu corpora quisque movet
Omnibus haec pulchra spondet gravitate favorem
Et resonante melo non sua membra movet
Candida per stabilem sic saltant sidera terram

So wie Morisken springen um das schöne Weib
und mit verschiedenen Gesten die Körper bewegen
Und allen gewährt Gunst die würdevolle Schöne
und in der Musik die eigenen Glieder nicht rührend,
ruhig verharrend, so springen die Sterne um die Erde.

Dies lässt vermuten, dass sich hinter dem lasterhaften Schein des Tanzspiels eine kosmologische Dimension verbirgt und die Morisken Vertreter des um die Erde tanzenden Sternenhimmels sind. Ebenso wie das Firmament sich um die Erde dreht, kreisen die Morisken um die Welt, verkörpert durch die Frau mit dem Apfel. Der Moriskentanz, ein Abbild des kosmischen Reigen, und die Botschaft der Morisken: Alles ist in Bewegung!