Bevor im Jahr 1468 der Grundstein für die Frauenkirche in München gelegt wurde, stand an ihrer Stelle eine kleine, unscheinbare Kirche, die sogenannte Marienkirche. Als München zur Residenzstadt aufstieg, wollte man eine imposante, repräsentative Kirche für München bauen lassen. So wurde der damals sehr berühmte Maurermeister Jörg, genannt von Halspach oder später auch Ganghofer, beauftragt, die Frauenkirche für München zu errichten …

Ich sitze an dem runden Steinbrunnen vor der Frauenkirche, aus pilzartigen Steinschirmen sprudelt Wasser, die Steine drumherum sind kühler als beim derzeitigen Wetter erwartet und ein ziemlicher frischer Wind weht hier besonders kräftig. Ich richte meinen Blick nach oben, zu den stolzen Türmen der Kirche und ihren eigentümlichen welschen Kuppeln und staune: Dieses imposante Monument, das Platz für 20000 Leute fasst, wurde im 15. Jahrhundert in nur 20 Jahren fertiggestellt? Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein!

Ein teuflisches Angebot

Ist es auch nicht. Man erzählt sich in München folgende Geschichte zum Bau der Frauenkirche: Als der Teufel erfahren hat, dass Meister Jörg beauftragt wurde, eine neue Kirche in München zu bauen, und das so schnell wie möglich, witterte er seine Chance. Auf seinem Kumpan, dem Sturmwind, kam er nach München angeflogen und machte Jörg folgendes Angebot: Er werde ihm helfen, die Kirche in nur 20 Jahren fertigzustellen, unter der Bedingung, dass man in der neuen Kirche kein einziges Fenster sehen dürfe. Ganghofer willigte ein. Der Teufel lachte sich ins Fäustchen: In eine düstere Kirche ohne Fenster würde doch kein Münchner zum Beten gehen! Alle Münchner Seelen würden ihm also sicher sein.

Des Meistermaurers List

Als die Frauenkirche in ihrer Pracht vollendet war, wollte der Teufel sich vergewissern, ob Meister Jörg auch sein Wort gehalten hat. Er flog zum Westportal – nur aus dem Westen kann der Teufel kommen, denn dort geht die Sonne unter und verschwindet in der Unterwelt. Er betrat die Kirche und was sah er: tatsächlich kein einziges Fenster! Da lachte er über seinen vermeintlich gelungenen Plan laut auf und stampfte vor Freude mit dem Fuß auf den Boden. Daher kommt der berühmte Münchner Teufelstritt hinter dem Westportal der Frauenkirche.

Doch was musste der Teufel kurze Zeit später beobachten? Scharenweise gingen die Münchner in ihre neue Kirche! Wieder kam er auf dem Sturmwind angeritten, um zu sehen, was hier vor sich ging. Wieder im Westportal lugte er leicht ums Eck und er sah zu seinem Entsetzen:

Und sie hat doch Fenster!

Die Frauenkirche hat sehr wohl Fenster, sogar besonders hohe. Nur werden sie von den zahlreichen Säulen verdeckt, sodass der Teufel sie bei seinem ersten Besuch nicht sehen konnte. Wutentbrannt zog der überlistete Teufel ab und vergaß vor lauter Zorn seinen Freund den Sturmwind … Jetzt weiß ich, weshalb mir an so einem milden Sommertag der Wind an diesem Ort das Haar zerzaust – es ist der zurückgelassene Sturmwind, der immer noch versucht, die Leute  davon abzuhalten, in die Kirche zu gehen!

Seine Bemühungen sind vergebens – ich betrete die kühle und in ihrer Schlichtheit ergreifende Frauenkirche. Nur den Teufelstritt im Westportal kann ich nicht ansehen, denn es wird gerade eine Messe abgehalten und bei jedem Gottesdienst wird der Teufelstritt abgedeckt. Fürchtet man doch irgendwie die Präsenz des Teufels?

Der Teufelstritt – ein Kraftpunkt?

Manche sagen, dass der Teufelstritt auf einem Kraftpunkt sitzt, und zwar an einer Stelle, an der die Erdkräfte so gebündelt sind, dass sie nach unten ableitend wirken. Die Baumeister, so die Vermutung, kannten sich in diesen Dingen sehr gut aus und wussten, was sie taten, als sie die Kirche so und nicht anders planten. Wie der Teufel aus dem Westen kommt, so überschreitet nun der Gläubige die Schwelle des Westportals, wenn er zum Gottesdienst geht. Der Raum zwischen den beiden Türmen ist so etwas wie ein Übergangsraum, in dem wir zwar die Welt der Sünde bereits hinter uns gelassen, aber den heiligen Raum noch nicht betreten haben. Hier befreien wir uns gewissermaßen von der Last des Alltags, benetzen uns mit Weihwasser als eine Art Reinigung – und lassen alles von uns abfließen, nach unten. Der Kraftort unterstützt uns dabei, so heißt es. Nach unten, in die Tiefe, in die Unterwelt – dahin, wohin es gehört!

Manche Gäste auf unseren Führungen sagen, dass sie diese nach unten ziehende Kraft deutlich spüren können … Darum besser nicht zu lange auf dem sagenumwobenen Teufelstritt stehen bleiben!

So kommst du zur Frauenkirche