Die neunte Raunacht gehört dem Tierkreiszeichen Schütze. Ein wesentliches Merkmal dieses Zeichens ist sein Bedarf an Raum und Weitblick. Sicherlich gefallen ihm die weitläufigen Palais des Kreuzviertels mit ihren prunkvollen Fassaden. Doch sein Herz dürfte erst wirklich aufgehen, wenn er die engen Gassen verlässt und sich sein Blick weiten darf – auf dem Odeonsplatz dessen südlicher Abschluss die Feldherrnhalle mit ihrer Panoramatreppe bildet …

Der Odeonsplatz – Quelle des Großartigen

Die Anlage des Platzes wurde zwischen 1816 und 1829 vorgenommen. Zuvor stand auf diesem Areal das  Schwabinger Tor, der Nordausgang der Altstadt. Federführend war hier kein Geringerer als Leo von Lenze, im Auftrag seines Königs Ludwig I. Dabei war der Platz lediglich Teil eines wesentlich umfangreicheren Planes zur Umgestaltung der Stadt.

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Das Schwabinger Tor verschwand und fortan führte die Ludwigsstraße auf eine Länge von einem Kilometer schnurgerade auf das weiter nördlich gelegene neue Siegestor zu. Im rechten Winkel trifft die Ludwigsstraße auf die Brienner Straße, die sich vom Odeonsplatz aus in östlicher Richtung durch die Maxvorstadt bewegt, vorbei am schwarzen Obelisken des Karolinenplatzes, mitten über den Königsplatz bis zum Stiglmayrplatz und darüber hinaus Richtung Schloss Nymphenburg – der alte Fürstenweg zur Sommerresidenz der Wittelsbacher. Hier treffen also zwei monumentale Achsen aufeinander und bestimmen bis heute die Wirkung des Platzes als Ort der Macht. Unterstrichen wird die Macht dieses Ensembles noch durch die Lage des Platzes auf der Grenzlinie zwischen dem Kreuzviertel und dem Graggenauer Viertel, zwischen der grandiosen Fassade der Theatinerkirche und der Residenz, dem mächtigen Stadtschloss.

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Die Ludwigstraße selbst sollte die Größe des Königreiches Bayerns in ihren Monumenten spiegeln. Die Universität zeigte, dass man sich als Zentrum der Wissenschaften empfand, die Bibliothek beeindruckte als Hort des Wissens, die Ludwigskirche untermauerte die Orientierung am wahren Glauben und das Odeon, einst ein großartiger Konzertsaal, heute Sitz des Bayrischen Innenmisters, demonstrierte die Kunstsinnigkeit des Königs. Natürlich durfte ein Zeichen der militärischen Stärke Bayerns nicht fehlen – in Gestalt der Feldherrnhalle. Der Odeonsplatz als Dreh- und Angelpunkt bildet dabei so etwas wie den Quellpunkt all dieser großartigen Vorstellungen – von hier geht alles aus.

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Die Feldherrnhalle

Auf den Stufen der Feldherrnhalle sitzend lässt sich wunderbar der Blick über das ganze Ensemble schweifen. Konzipiert als Denkmalhalle mit florentinischem Vorbild von Klenzes Widersacher Friedrich von Gärtner ist dem bayrischen Heer gewidmet, symbolisiert durch die Figurengruppe an der Rückwand des Gebäudes. Standbilder weisen zwei bedeutenden Persönlichkeiten der Militärgeschichte die Ehre: Graf Tilly, oberster Heerführer der Katholischen Liga im Dreißigjährigen Krieg, und Fürst Wrede, Generalfeldmarschall und Diplomat während der Koalitionskriege. Lion Feuchtwanger spottete einst über beide: “Der eine war kein Bayer, und der andere kein Feldherr.”

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Zwei gewaltige Marnorlöwen flankieren die Treppe der Halle. Dem Volksmund nach handelt es dabei um einen bayrischen und einen preußischen Löwen – der preußische Hand das Maul offen. Ein kleiner Seitenhieb auf die angebliche Gesprächigkeit der Preußen.

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Ein solch bedeutsamer Platz diente natürlich gerne Paraden und Aufmärschen als grandiose Kulisse der Demonstration von Macht und Überlegenheit. Dies wussten sich die Nationalsozialisten für sich zu nutzen und zelebrierten hier alljährlich den Jahrestag des gescheiterten Hitlerputsches. Am 9. November 1923 marschierte Adolf Hitler mit seinem braunen Gefolge auf die Feldherrnhalle zu, in der Absicht die Regierung zu stürzen. Dort wurden sie von der bayrischen Polizei gestoppt, es kam zu einem Scharmützel, dem 16 Putschisten und vier Polizisten zum Opfer fielen. Nach der Machtergreifung wurden die 16 “Blutzeugen”, wie die Opfer auf der Seite der Putschisten genannt wurden, mit einer Tafel auf der Residenzseite der Feldherrnhalle geehrt. Jeder Passant hatte die Pflicht hier den Hitlergruß zu zeigen. Nicht wenige mieden daraufhin den Weg über den Odeonsplatz und wählten die Viscardigasse als Umweg, die daraufhin den Spitznamen “Drückebergergasse” erhielt.

Ein Palast der Fantasie

Der Sinn des Schützen für alles Großartige trägt in sich den Keim der Übertreibung. So wird aus Prunk schnell Protz, aus großen Gefühlen schnell kitschiger Pathos und aus Erhabenheit schließlich Überheblichkeit. “Nicht kleckern, sondern klotzen”, mag sich auch der Erbauer des Palais hinter der Feldherrnhalle gedacht haben, der kurfürstliche Oberstjägermeister Maximilian IV. Graf Preysing.

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Er engagierte Joseph Effner und baute den ersten Rokokopalast Münchens. Grund war die Beschwerde des Kurfürsten Karl Albrecht, der seinen Berater mehrmals für seine nicht standesgemäße Behausung schalt und verspottete – bis sich der Graf geschlagen gab. In einem unglaublichen Tempo ließ er sich einen nun mehr als repräsentativen Wohnsitz errichten. Es wurde in solcher Hast gearbeitet, dass die Maurer sogar nachts bei Fackelschein ihr Werk verrichten mussten. Die Ausstattung war auch für damalige Verhältnisse ungewöhnlich prächtig. Dazu trugen insbesondere die pompösen Stuckarbeiten bei, selbst die Fressschalen für die Pferde waren aus Marmor und kosteten pro Stück die damals ungeheure Summe von 25 Gulden. Wer sich heute in das restaurierte Treppenhaus des Preysingpalais verirrt, kommt aus dem Staunen nicht heraus – es ist ein Feuerwerk der Fantasie, ein Paradies für Visionäre und ein Augenschmaus für alle, die sich für die Lebensfreude des Rokoko erwärmen können.

Die Kraft des Schützen spüren

Nirgendwo lässt sich die Kraft des Schützen besser spüren als auf den Treppenstufen der Feldherrnhalle. Wer den Schützen in sich entdecken will, der sollte sich hier einen Platz suchen, vielleicht sogar zu Füßen eines der Löwen oder einfach genau in der Mitte unterhalb des Denkmals für das bayrische Heer. Diese Fragen können dabei dienlich sein, sich des inneren Schützen bewusst zu werden:

  • Welche großartigen Augenblicke habe ich im vergangenen Jahr erlebt? Welche Momente von erhabener Schönheit und flammender Begeisterung haben mir Kraft gegeben?
  • Worin möchte ich im kommenden Jahr meinen Enthusiasmus investieren, wo möchte ich mich engagieren? Welche Ziele habe ich, welche Visionen für die Zukunft?
  • Wie kann ich in diesem Jahr die Erfolge des vergangenen Jahres fortsetzen? Welche neuen Etappen stehen dabei an? 

So kommst du zur Feldherrnhalle

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