Was beflügelt deinen Geist?

Neujahr – für viele ist dieser Tag geprägt von der Ruhe nach dem Sturm. Weil es für die meisten kein Arbeitstag ist, frönen viele noch einmal dem Müßiggang, manche brauchen den Tag auch, um die Auswirkungen der Silvesternacht zu verarbeiten und zu regenerieren.

Wenn sich dann der Abend wieder senkt und die neunte Raunacht beginnt, kommen wir langsam, aber sich im neuen Jahr an.

Diese Nacht eignet sich hervorragend, die Ausrichtung auf die neue Zeit vorzunehmen. In der Ruhe dieser Nacht liegt die Kraft für einen Erfolg versprechenden Plan, vielleicht sogar für den großen Wurf. Deshalb lohnt es sich, sich Stift und Papier bereit zu halten und auf die Inspirationen zu warten, die diese Raunacht schicken kann.

Um dem Moment der Inspiration Vorschub zu leisten, empfiehlt es sich, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Ein Spaziergang im Zwielicht, bei dem Blick in der kalten Luft geschärft ist, während er über Schnee bedeckte Flächen schweifen kann, vermag uns in Berührung mit uns selbst bringen und uns zugleich mit dem verbinden, was über uns selbst hinaus geht.

Bleibe in diesen Augenblicken für dich und verweile bei den Ideen, die du für das kommende Jahr umsetzen willst. Lade deine Gedanken ein, mit ihnen über die weiten Flächen des Landes zu fliegen, ohne Begrenzungen, ohne Tabus, ohne Spielregeln. Schreibe alles auf, was dir in den Sinn kommt und durch deine Feder fließen will. Es geht nicht darum, dich gleich wieder zu zensieren und der Vernunft zu gestatten, das, was dir vorschwebt, auf den Boden der Tatsachen zu holen. Vielmehr gönne deinem Geist einen Ausflug in höhere Gefilde, wo alles möglich ist.

Harmlos

“Harmlos” nennen ihn die Münchner, denn schließlich können sie lesen, und auf der Tafel, an der dieser griechische Jüngling lehnt, heißt es:

HARMLOS.
WANDELT HIER.
DANN KEHRET.
NEU GESTÄRKT.
ZU JEDER.
PFLICHT ZURÜCK.

Ursprünglich soll diese von Franz Jakob Schwanthaler entworfene Statue den Jüngling Antinoos darstellen und steht südwestlich des Englischen Gartens und ist von ihm durch die Prinzregentenstraße getrennt. Als der Englische Garten 1803 sein Zehnjähriges feierte, stiftete der Bayerische Minister Graf Topor Morawitzky die Marmorskulptur, deren Original heute im Residenzmuseum zu betrachten ist, während uns hier die 1983 aufgestellte Kopie begegnet.

Antinoos war ein Günstling und wahrscheinlich auch Geliebter des römischen Kaisers Hadrian und wurde nach seinem Tod  er zum Gott erhoben. Hadrian entdeckte Jüngling auf einer seiner Reisen durch Kleinasien. Wenig wissen wir über den jungen Mann, der den Kaiser so faszinierte, und das, was überliefert ist, klingt eher nach Legende als nach Geschichte. Gerade sein Tod gab und Anlass für zahlreiche Vermutungen.

Fest steht, dass bei Besa in Mittelägypten in den Nil fiel – und vor den Augen seines Gönners ertrank. Einige sagten, es wäre ein Unfall gewesen, andere wiederum wollen darin ein Selbstopfer Antinoos erkannt haben, um dem Kaiser ein langes Leben zu sichern. Antinoos soll nämlich von einem Astrologen erfahren haben, dass sein Freitod dem Kaiser seine noch zu erwartende Lebensspanne zu dessen Lebenszeit schenken würde. Andere wiederum wollten wissen, dass sich Antinoos in den Tod stürzte, um sich vor den allzu aufdringlichen Nachstellungen durch Hadrian zu entziehen … Und wer könnte ein höfische Intrige ausschließen? Hadrians Frau soll zumindest über den Tod des Nebenbuhlers nicht besonders traurig gewesen sein …

Nach seinem Tod setzte Hadrian seinem Geliebten ein Denkmal – und errichtete gleich eine ganze Stadt ihm zu Ehren in Ägypten, an der Stelle des Unglücks. Antinoos wurde zum Gott stilisiert und erhielt eigene Kulte, wurde an manchen Orten sogar mit Dionysos gleichgesetzt. In Ägypten wurde sein Tod im Nil an sich schon als Grund zur Erhöhung zum Gott angesehen und so wurde er mit Osiris identifiziert, der ebenso im heiligen Fluss Ägyptens ertrunken sein soll.

Dichtung und Kunst ließen sich nachhaltig von der tragischen Geschichte inspirieren und so gibt es zahlreiche Bildnisse des Jünglings – bis in die Neuzeit hinein.

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