Wovon willst du dich lösen?

Die Nacht auf den 30. Dezember trägt bereits die Ahnung des kommenden Jahreswechsel in sich. Es liegt der Wandel in der Luft, doch noch stecken wir mitten drin im Übergang: das Alte lässt uns noch nicht los und das Neue hat noch keine Gestalt angenommen.

Diese und die kommenden Nacht tragen wahrscheinlich am deutlichsten die emotionalen Merkmalen dessen, was wir mit „zwischen den Jahren“ meinen.

In dieser Nacht können wir uns auf den Wechsel vorbereiten, indem wir uns dem Schatten des alten Jahres stellen. Es ist ein Reinigungsprozess, den wir damit einläuten, weil wir uns von den Schlacken der Vergangenheit befreien, um frei und offen zu sein für das, was uns erwartet.

So ein Abschied kann wirkungsvoll mit einer Frage wie der folgenden begonnen werden:

„Angenommen, hinter dem, was mir widerfahren ist, gerade dem Schmerzlichen, Ungerechten, Anstrengenden, stünde eine gute Absicht des Lebens – welche könnte das sein?“

Setze dich an diesem Tag mit dieser Frage auseinander und scheue dich nicht, den Finger an die Stellen zu legen, die besonders wund erscheinen und denen du gerne aus dem Weg gehst.

Du wirst merken: Wenn du dich darauf konzentrierst, auf welche Weise diese oder jene Situation, trotz des Unglücks, das über dich gekommen sein mag, deinem Leben einen förderlichen Impuls geben konnte, wirst du dich um so leichter von den ungeklärten Themen der Vergangenheit lösen können.

Der trauernde Knabe ist in der Frauenkirche zu finden, in der Chorabschlusskapelle.

Abschied

Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ich’s noch: ein dunkles, unverwund’nes,
grausames Etwas, das ein schön verbund’nes
noch einmal zeigt und hinhält und – zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
Das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
Zurückblieb, so als wären’s alle Frauen
Und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
Ein leise Weiterwinkendes -, schon kaum
Erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
Von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.

Schon kehrt der Saft aus jener Allgemeinheit,
Die dunkel in den Wurzeln sich erneut,
Zurück ans Licht und speist die grüne Reinheit,
Die unter Rinden noch die Winde scheut.

Die Innenseite der Natur belebt sich,
Verheimlichend ein neues Freuet euch;
Und eines ganzen Jahres Jugend hebt sich,
Unkenntlich noch, ins starrende Gesträuch.

Des alten Nußbaums rühmliche Gestaltung
Füllt sich mit Zukunft, außen grau und kühl;
Doch junges Buschwerk zittert vor Verhaltung
Unter der kleinen Vögel Vorgefühl.

Rainer Maria Rilke

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