Mit der siebten Raunacht wechseln wir nicht nur das Tierkreiszeichen, sondern auch das Altmünchner Viertel: wir gelangen ins Kreuzviertel, das sich nordwestlich des Marineplatzes erstreckt. Wie zuvor auch begegnen wir als erstes einem so genannten kardinalen Tierkreiszeichen. Das Wort “kardinal” verweist auf die Bedeutung des Zeichens als Türöffner hin, denn das lateinische “cardo” bedeutet “Türangel”. An der Schwelle zum Kreuzviertel treffen wir auf die Waage, jenem Zeichen, in das die Sonne tritt, wenn wir Herbstanfang haben, und zwar stellvertretend in Gestalt des Schutzpatrons einer der wohl eindrucksvollsten Kirchen unserer Stadt – der Michaelskirche.

Das Gleichgewicht bewahren

Der Erzengel Michael begrüßt uns schon von weitem, wenn wir uns der weiß leuchtenden, wie eine Pyramide aufgebauten Fassade der Jesuitenkirche an der Neuhauser Straße nähern. Vor goldglänzendem Hintergrund traktiert er den Teufel, stößt ihn mit seiner Lanze hinab in die Tiefen – eine Anspielung auf die Stelle in der Offenbarung des Johannes, in der es heißt:

Da entbrannte im Himmel ein Kampf. Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt. der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

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Eine dramatische Szene also, die sich vor unseren Augen abspielt, aber passend zur Entstehungszeit dieser besonderen Kirche im Münchner Stadtgefüge, denn sie wurde von Wilhelm V. in Auftrag gegeben, der damit dem Kampf des katholischen Glauben gegen die Ketzerei im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der Reformation und Gegenreformation, ein monumentales Zeichen setzen wollte. Daher ließ er den Drachen der Offenbarung auf eine Weise darstellen, die dem einfachen Volk klar machen sollte, worin die eigentliche Gefahr bestand, nämlich in der Verehrung dämonischer Wesen, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Naturwesen der antiken Vorstellung aufweisen, den römischen Faunen, jenen bockbeinigen, behaarten und gehörnten Gesellen, die in der Natur für Fruchtbarkeit sorgen. Zugleich trägt der Teufel an der Michaelskirche auch weibliche Brüste, galten doch Frauen in jenen Tagen als besonders anfällig für den Abfall vom wahren Glauben.

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Doch was hat der Kampf um den wahren Glauben mit der Waage zu tun? Gilt nicht diese doch im Gegenteil als besonders friedliebend und auf Harmonie bedacht? Tatsächlich strebt die Waage nach dem Gleichgewicht, doch das bedeutet nicht zwingend, dass sie Frieden stiften will. Der Waage ist sehr wohl bereit zum Kampf – wenn etwas aus der Balance geraten ist. Zu viel Friede, Freude, Eierkuchen kann auch sie nicht ertragen, und wird im Zweifel durch eine gewisse Aggressivität dafür sorgen, dass keine einseitige Haltung Überhand nimmt.

So kann man die Gegenreformation, als deren Speerspitze sich die Wittelsbacher verstanden, durchaus als Gegengewicht zur Reformation verstehen – und damit als Befolgen des Waage-Prinzips.

Der Engel mit der Waage

Welcher Engel könnte ein besseres Symbol dafür sein als der Erzengel Michael? In vielen Abbildungen hält er eine Waage in der Hand, denn er gilt als der Seelenwäger, als die Instanz, die am Tag des Jüngsten Gericht darüber entscheidet, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen. Dazu wiegt er unser Herz auf seiner Waage, ist es zu leicht, dann haben das Böse Macht über uns, frei nach den biblischen Worten:

“Gott hat dich gewogen und für zu leicht befunden. Du kannst nicht vor ihm bestehen.”

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Damit erinnert der Erzengel an die ägyptische Herzwägung beim Totengericht. In der christlichen Vorstellung muss das Herz jedoch schwer sein, wenn es eine Platz im Himmelreich bekommen soll – schwer, im Sinne von gewichtig, bedeutsam. Bis ins Mittelalter hinein nahm man dies sehr wörtlich und so kam es vor, dass man das Herz eines Verstorbenen durch etwas Schwereres ersetzte, um seine Chancen zu erhöhen, nach dem Tod in den Himmel zu kommen. Kaiser und Könige ließen sich ein Herz aus Gold ins Grab legen, einfache Menschen bekamen ein Herz aus Stein.

Die letzte Ruhe für einen Märchenkönig

Apropos Grablege. Die Krypta der Michaelskirche ist so etwas wie ein Wallfahrtsort für alle, die den letzten wahren König Bayerns verehren – König Ludwig II. Er ist zwar im Grunde nicht wirklich der letzte König der Bayern, doch der letzte, der nachdrücklich der ganzen Welt in Erinnerung geblieben ist, als Liebhaber der Großartigen und des Schönen. In seine Märchenschlössern hat er uns ein beredtes Zeugnis von seiner Leidenschaft für Kunst und Kultur hinterlassen. Auch hier hat er sich, obwohl im Zeichen der Jungfrau geboren, ganz der Ästhetik verschrieben, wie sie für das Zeichen der Waage so typisch ist.

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So ruht hier einer der letzten Vertreter des Prinzips “Kunst um der Kunst willen” – denn das Schöne braucht keinen anderen Sinn, als uns zu erfreuen.

Das Lamm Gottes und der Seelenwäger

Doch die Schönheitsliebe der Waage beruht nicht allein auf dem Prinzip der Ästhetik – denn am Ende ist es eine reine Frage des Geschmacks, was wir für attraktiv halten und was nicht. Vielmehr geht es der Waage um Harmonie, und Harmonie meint nichts anderes als die Balance der Proportionen. Für diesen Gedanken ist die Fassade der Michaelskirche ein hervorragendes Beispiel: Sie ist perfekt symmetrisch aufgebaut. Von der Spitze des Giebels bis zum Sockel der Kirche zieht sich die Achse, die letztlich durch den Erzengel verläuft.

 

Die zwei Portale links und rechts der Achse sind ungewöhnlich für die Fassade einer Kirche dieser Zeit, aber sie korrespondieren mit den beiden Waagschalen. Über den Portalen haben wir zwei Reihen Fürsten vor uns, die sich im Kampf des Christentums gegen seine Feinde einen Namen gemacht haben, je sechs auf beiden Seiten der Achse, unter anderem Karl der Große. Der dritte von rechts in der unteren Reihe ist übrigens Wilhelm V. selbst, der Erbauer der Kirche. Folgerichtig lehnt er auf einem Modell seines Gotteshauses.

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Die Zahl Zwölf kommt hier nicht von ungefähr, ist sie doch die Zahl der Vollkommenheit, wie sie sich in der Zahl der Tierkreiszeichen, der Monate usw. finden lässt. Zahlenmystik spielt hier natürlich eine tragende Rolle, und so wurde darauf hingewiesen, dass sich die Fassade der Michaelskirche wie ein kosmologisches Programm lesen lässt, bei dem die Achse der Tagundnachtgleichen die zentrale Rolle spielt. Diese Achse wird gebildet von den beiden Tagen, an denen Tag und Nacht exakt gleich lang sind, sich also in exakter Balance befinden: der 21. März, Frühlingsbeginn, die Sonne geht in das Zeichen Widder, und 23. September, Herbstanfang, die Sonne geht in das Zeichen Waage. Mit der Frühlingstagundnachtgleiche wird das Datum des Osterfestes bestimmt, dessen Sinnbild das Lamm Gottes ist – astrologisch: der Widder. Das gegenüberliegende Fest ist das Fest des Erzengels Michael, am 29. September – astrologisch: Waage! So bildet die Achse an der Fassade der Michaelskirche genau diesen Zusammenhang wieder: Oben ist im Giebel Christus zu sehen, das Lamm Gottes, und unten Michael, der Seelenwäger. Astrologisches Wissen verschlüsselt in der Symbolik des Gotteshauses.

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Die Kraft der Waage spüren

Wer mit der ausgleichenden Kraft der Waage in Verbindung kommen möchte, der kann dies in der Michaelskirche tun, jenem Gotteshaus mit dem nach der Peterskirche in Rom größten Tonnengewölbe der Welt. So beeindruckend das Gebäude an sich ist, so intensiv ist die Erfahrung der Balance in seinem Inneren. Besonders ergreifend ist dabei die Begegnung mit dem Weihwasserengel, der lebensgroß gleich nach dem Eintritt in die Kirche, auf der zentralen Achse steht und uns direkt ins Herz zu blicken scheint. In der Begegnung mit diesem Wesen von überirdischer Schönheit können wir uns diese Fragen stellen:

  • Welche Momente des vergangenen Jahres waren geprägt von einem tiefen Gefühl der Ausgeglichenheit? Wann fühlt ich mich so richtig im Lot mit mir selbst und der Welt? 
  • Was kann ich aus diesen guten Erfahrungen für das kommende Jahr ableiten, wenn es darum geht, mich im Gleichgewicht zu halten? Was sollte ich besser lassen, wovon mehr tun, um in meiner Mitte zu bleiben?
  • An welchen Stellen meines Lebens muss ich mehr auf die Balance achten – und diese möglicherweise energischer einfordern?

So kommst du zur Michaelskirche

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