15. Engel im Stadtspürer®-Adventskalender – ENGEL DER BEFREIUNG

Wovon willst du dich befreien?

Das monumentale Portal des Polizeipräsidiums in Ettstraße, geschaffen von Theodor Fischer im Jahr 1913, hätte sicherlich viele, auch sehr traurige Geschichten zu erzählen. Dabei ist es selbst voller Erzählungen, denn es ist von oben bis unten geschmückt mit Fabelwesen, mythischen Szenen und Anspielungen auf Sagen. Einige bleiben auch bei näherer Betrachtung rätselhaft, andere wiederum lassen sich recht schnell zuordnen …

Dazu gehört auch diese Darstellung eines entfernten Verwandten unserer Engel aus der antiken Sagenwelt: Ikarus. Seine Geschichte ist die Geschichte von Freiheit und Befreiung. Sein Vater Daedalus, der berühmteste und genialste Erfinder seiner Zeit, wird von König Minos auf der Insel Kreta gefangen gehalten. Er beschließt zu fliehen: “Mag er, sagte er, Länder und Meere versperren, aber der Himmel steht sicher offen”, erzählt uns Ovid in seinen Metamorphosen. Daedalus entwickelt Flügel aus Federn und Wachs, mit denen er zusammen mit seinem Sohn Ikarus durch die Lüfte entkommen möchte.

“Der kleine IKarus stand dabei, und nicht wissend, dass er seine eigene Gefahr anfaßt, greift er bald mit freudestrahlendem Gesicht nach Flaumfedem, die ein vorüberziehender Lufthauch bewegt hatte. Bald machte er mit dem Daumen das gelbe Wachs weich und störte das wunderbare Werk seines Vaters durch sein Spiel.”

Dann kommt der Tag der Flucht. Vater und Sohn schnallen sich die Flügel um. Doch bevor sie sich in die Lüfte heben, findet Daedalus diese mahnenden Worte: “Ich ermahne dich, Icarus, dich auf mittlerer Bahn zu halten, damit, wenn du zu tief gehst, nicht die Wellen die Federn beschweren, und wenn du zu hoch fliegst, das Feuer sie nicht versengt. Zwischen beiden fliege!”

Daedalus schreibt seinem Sohn vor, den rechten Weg nicht zu verlassen. Doch es kommt anders, denn “als der Knabe begann sich über den kühnen Flug zu freuen, trennte er sich von seinem Führer und, angezogen durch die Begierde nach dem Himmel, nahm er einen höheren Weg. Die Nähe der glühenden Sonne machte das duftende Wachs, das Band der Federn, weich.
Das Wachs war geschmolzen. Jener schwingt die nackten Arme, und da er keinen Flugapparat mehr hat, bekommt er keine Luft zu fassen, und sein Mund, der den väterlichen Namen ruft, wird durch das blaue Wasser aufgenommen …”

Ikarus stürzt ab – und ertrinkt im Meer. Außer der moralischen Komponente – der Sohn hört nicht auf seinen Vater und wird dafür bestraft – klingt noch etwas anderes in dieser Geschichte an: der Preis der Freiheit ist das Risiko. Wir können den geraden Weg gehen, den Weg, auf dem uns nichts geschehen wird – oder wir folgen dem Weg unseres Herzens und riskieren dabei auch den Absturz.

Ikarus bezahlte den Preis für die Freiheit, aber er war frei.

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