Mit dem Odeonsplatz haben wir eine weitere Grenze überschritten und sind im letzten der vier Viertel der Münchner Altstadt angekommen, dem Graggenauer Viertel. Graggenau, dieses eigenartige Wort erinnert daran, dass wir uns in relativer Isarnähe befinden, wo es die Auenwälder gab. Und die “Gragg’n”, das sind die Krähen, die schwarzen Vögel, dort wohl zuhauf anzutreffen waren. Heute wird dieses Viertel dominiert von der Residenz, dem Stadtschloss der Wittelsbacher, dem Zentrum ihrer Macht. Genau dorthin lenken wir unsere Schritte, um die Kraft des Steinbocks zu spüren …

Sinn für Ordnung

Die weltliche Macht hatte stets für Recht und Ordnung zu sorgen. Hier trifft sie sich mit der Bedeutung des Tierkreiszeichens Steinbock, dem Ordnung nicht nur das halbe, sondern das ganze Leben ist. Dabei meint der Steinbock nicht den aufgeräumten Schreibtisch oder die Bügelfalte in der Hose, sondern die Ordnung als Basis für das gemeinschaftliche Miteinander. Ohne Regeln, ohne Vorschriften, ohne Gebote und Verbote kann das Leben vieler Menschen auf einem Haufen nicht funktionieren. Es braucht Strukturen. Und genau die liegen dem Steinbock am Herzen.

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Das Symbol für diese Ordnung ist das Quadrat, das Carré mit seinen vier Seiten. Überall, wo Ordnung beschrieben werden will, nutzen Menschen gerne die Zahl Vier: die vier Wände unserer Wohnung geben uns Schutz und Geborgenheit, die vier Himmelsrichtungen ordnen den Raum, die vier Tages- und Jahreszeiten organisieren die zeitlichen Abläufe. In der Mitte des Quadrats entsteht dabei etwas Neues, eine neue Qualität, die aus der Ordnung erwächst. Dieser Mittelpunkt ist das stabile Zentrum, um das sich letztlich alles drehen muss, damit die Ordnung aufrecht erhalten bleiben kann, wie die Nabe, um die sich das Rad dreht. Im Ursymbol des Quinkunx finden wir diesen Gedanken wieder: vier Punkte als Ecken eines Quadrates gesetzt und in der Mitte ein fünfter Punkt. Dieser fünfte Punkt steht auch für das, worum es eigentlich geht, was erreicht werden soll, indem die Ordnung eingehalten wird.

Der Kaiserhof in der Residenz

Schon der Alte Hof, die erste Burg der Stadt, weist dieses Grundmuster auf. Die vier Burgstöcke bilden ein fast perfektes Quadrat um dieses ursprünglich Zentrum der Macht. Doch durch das schnelle Wachstum Münchens drohte die Burg von der Stadt eingeschlossen zu werden, und die Herrscher hatten Angst, vor den Unruhen der Bürger nicht ausreichend geschützt zu sein. Dies ist die Schattenseite des Strebens nach Ordnung, denn sie muss aufrecht erhalten werden. Innerhalb der Burg ist man sicher – vor dem, was sich außerhalb der Burg befindet. Herrscht innerhalb der Burg Ordnung, so muss außerhalb der vier Wänden folglich potenzielle Unordnung herrschen, das Chaos. Daher bevorzugten die Herzöge eine Lage ihres Sitzes am Rande der Stadt, um die Fluchtmöglichkeiten zu erhöhen.

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Im 14. Jahrhundert begann man daher auf dem Gelände der heutigen Residenz mit dem Bau der Neuveste, am nordöstlichen Eck der Altstadt, einer Wasserburg, auch diese mit einem rechteckigen Grundschema. Über die Jahrhunderte, entlang der wachsenden Macht des Hauses Wittelsbach im Gesamtgefüge der Länder, wurde diese Burg Schritt für Schritt erweitert, vergrößert, umgebaut – bis sie den heutigen Umfang erreichte, eines der größten Stadtschlösser Europas, eine wahrhaftige Residenz. Da jeder Fürst sich auf seine Weise einbrachte, behielt die Residenz auf Dauer nicht mehr die typische Form des Quadrates. Doch an einer Stelle ist es noch in monumentaler Weise zu finden: im Kaiserhof, der unter Kurfürst Maximilian I. zum Gebäudekomplex hinzukam. Ein gewaltiger Platz, der das Grundmuster der Ordnung auf eine Weise aufgreift, die uns spüren lässt, dass sich hier zur Demonstration von Recht und Ordnung auch die Demonstration von Größe und Machtanspruch weit über die Grenzen des Landes gesellen.

Der Wittelsbacher Brunnen

In einem kleinerem Maßstab, und deutlich angenehmer zum Nachspüren, finden wir das Muster der Ordnung im Brunnenhof. Dort steht der so genannte Wittelsbacher Brunnen, eine herrliche Komposition aus Bronzefiguren ebenfalls aus der Zeit Maximilians I., dessen Grundmuster das Quinkunx ist. Auf den Seiten des Brunnens liegen vier Flussgötter als Sinnbilder für die vier großen Flüsse Bayerns Donau, Lech, Isar und Inn. An den Ecken aber stehen vier Götter und diese wiederum versinnbildlichen jeder eines der vier Elemente, nach denen man schon in der Antike die Welt geordnet hatte: Ceres als Element Erde, Vulkanus, der Schmiedegott, als Element Feuer, Juno mit dem Pfau als Element Luft und Neptun als Element Wasser. Und in der Mitte erhebt sich eine fünfte Figur, die gewissermaßen über diese Ordnung wacht, sie vielleicht sogar überragt: Otto I. von Wittelsbach, der Ahnherr der Wittelsbacher. Gibt es eine deutlichere Demonstration für Macht über die Welt?

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Der Hofgarten

Verlassen wir das Schloss in nördlicher Richtung und spazieren durch den Hofgarten, der in seiner heutigen Gestalt sehr nahe an das Vorbild aus der Zeit Maximilians I. herankommt. Auch hier erleben wir sofort, wie das Muster der Ordnung umgesetzt wurde, diesmal in der klaren Struktur dieses wunderschönen Gartens: vier Schalenbrunnen, die vier Ströme des Paradieses verkörpernd, umgeben einen Tempel in der Mitte, den so genannten Dianatempel, benannt nach der Figur auf seinem Dach, die ursprünglich von Maximilians Vater Wilhelm V. als Brunnenfigur eines Dianabrunnens gedacht war. Maximilian aber gestaltete sie um und schuf aus ihr eine andere Figur, die seinen Machtanspruch als Kurfürst deutlicher zum Ausdruck bringen sollte: Tellus Bavariae, die bayrische Erde. Entsprechend ist sie von vier Symbolen umgeben, die Bayerns Reichtum versinnbildlichen sollen: den Hirschen als Zeichen für Bayerns wildreiche Wälder, den Kranz aus Getreide für die fruchtbaren Äcker, eine Fischreuse für die fischreichen Gewässer und das Salzfass für den Segen des weißen Goldes, von dem insbesondere München so sehr profitierte. Auch ein fünftes Element führte Maximilian hinzu – er ließ der Göttin einen Kurfürstenapfel in die rechte Hand schmieden.

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Der Hofgarten mit seinem “Dianatempel” ist ein besonders magischer Ort, der auf eine freundliche Weise das Prinzip der Ordnung spiegelt. Doch an seinem östlichen Rand ragt drohend, gewissermaßen als Gegenpol zur lichtvollen Ästhetik des Gartens das düstere Antlitz der Staatskanzlei empor, untergebracht im ehemaligen Armeemuseum mit unproportionalen Seitenarmen versehen, die das alte Gebäude wie Schraubzwingen einklemmen. Hier also findet sich der Sitz des bayrischen Ministerpräsidenten, im Dunstkreis eines Ortes, der seine Macht aus der Ordnung schöpft.

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Die vier Löwen vor der Residenz

Eine weitere Vierergruppe an der Residenz ist bei allen Münchner sehr beliebt und an der Westfassade des Stadtschlosses zu finden: die vier magischen Löwen. Sie bewachen die beiden großen Portale. Reibt man, so will es der Volksmund, die Nasen der Masquerons unterhalb der Schilde, die von den vier Löwen gehalten werden, so soll dies Glück bringen.

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Tatsächlich bringt dies nicht einfach nur Glück – es bringt weitaus mehr – wenn man die Symbole versteht, die auf den Schildern der Löwen zu lesen sind. Sie verweisen darauf, dass jeder der Löwe eine genau besondere Aufgabe übernimmt – er ist der Hüter einer der vier Kardinaltugenden. Die entsprechende Kardinaltugend ist sogar über den Häuptern des Königs der Tiere zu erkennen, in Gestalt einer allegorischen, weiblichen Figur auf den schrägen Simsen über den Portalen. Inschriften auf den Simsen verraten, um welche Tugend es sich handelt. Von links nach rechts: PRUDENTIA, die Klugheit, IUSTITIA, die Gerechtigkeit, FORTITUDO, die Stärke, und TEMPERANTIA, die Mäßigkeit. Jede dieser Figuren trägt ein zentrales Symbol. Und genau diese wiederholt sich auf dem Schild am jeweiligen Löwen darunter: das Schiff(sruder) der Klugheit, die Sonne der Gerechtigkeit, des Felsen der Stärke und die Uhr der Mäßigkeit.

Wer also die Nasen der Löwen reibt, der holt sich nicht einfach nur Glück – er lädt sich mit de Kraft der vier Kardinaltugenden auf.

Und das fünfte Element? Es ist hier die zwischen den Portalen angebrachte Muttergottes als Patrona Boiariae, als Herrscherin Bayerns. Damit zeigte Maximilian wieder einmal, worauf er im Wesentlichen seine Macht, Recht und Ordnung aufbauen wollte: auf den Glauben an Maria.

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Die Kraft des Steinbocks spüren

Egal, an welchem Ort der Residenz man aufhält, überall ist die Kraft des Steinbocks mit seiner Liebe zu Ordnung zu spüren – mal sanft wie im Hofgarten, mal beeindruckend im Kaiserhof, dann wieder magisch an den vier Löwen und fantasievoll am Wittelsbacher Brunnen. Am besten man wählt sich seinen Platz danach aus, was einem gerade behagt. Folgende Fragen können die Kraft dieser Raunacht bündeln:

  • Welche Erlebnisse im vergangenen Jahr haben wir das Gefühl von Ordnung in meinem Leben gegeben? Wie ist es mir gelungen, die Kraft der Ordnung zu spüren?
  • Welche Situationen im kommenden Jahr werden meinen Einsatz um Ordnung besonders benötigen? Wie kann es mir gelingen, das, was ich in dieser Hinsicht aufgebaut habe, zu bewahren?
  • Wie steht es um mein Verhältnis zu Ordnung? Was kann ich tun, um mehr Klarheit, Struktur, Regelmäßigkeit in mein Leben zu bringen? 

So kommst du zur Residenz

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