Kannst du vertrauen?

Die vorletzte Raunacht bricht an. Gerade die beiden letzten Nächte haben uns damit konfrontiert, dass alles, was wir uns vornehmen, zwar wohl durchdacht sein mag, aber letzten Endes sich in Wirklichkeit bewähren muss und dabei mit der einen oder anderen Störung zu rechnen ist.

Die zwölfte Raunacht lässt uns noch einmal bescheiden werden, denn sie macht uns bewusst, dass neben einem klaren Projekt und der Bereitschaft, auch den so genannten Zufällen kreativen Raum zugeben, auch eines ganz wichtig ist: Vertrauen. Vertrauen darin, dass das, was wir vorhaben, vom Kosmos selbst getragen wird.

Ein wesentliches Merkmal dafür, ob unser Ziele diesen letzten Test bestehen werden, ist zum Einen, ob wir das, was wir uns vorgenommen haben, auch von ganzem Herzen wollen, ob es unserem Wesen entspricht und wir das Beste von uns dahinein geben. Nur etwas, das seine Quelle in unserem Herzen hat, kann wirklich zu etwas werden, bei dem wir am Ende das Gefühl von Glück verspüren werden.

Zum Anderen wird das Leben aber auch prüfen, ob das, was wir vorhaben, sich in einen größeren Plan fügt. Wenn dies der Fall ist, werden wir mit Rückenwind rechnen können und es wird uns leicht fallen, Hürden zu überwinden und Hindernisse zu umschiffen.

Wenn es aber keinen anderen Sinn besitzt, als den, unsere egoistischen Wünsche zu befriedigen, dann kann es gut sein, dass es über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt sein wird oder sich nur unter größter Anstrengung und zu einem sehr hohen Preis umsetzen lassen wird.

Was können wir tun, um die Entscheidung des Lebens zugunsten unseres Projektes ausfallen zu lassen? Nichts. Und das ist auch gut so, denn nur wenn wir in reinem Vertrauen der Dinge harren, die da kommen, werden wir letztlich von den Kräften des Kosmos dorthin geführt, wo unser Platz ist. Ob dieser Platz dem entspricht, was wir uns vorgestellt haben, ist eine andere Frage. Die zwölfte Raunacht gibt darüber keine Auskunft. Sie lehrt uns nur, darauf zu vertrauen, dass das, was kommt, gut sein wird.

Die Frau mit dem Kelch in der Hand ist auf der Nordseite des Ruffinihauses zu finden – sie blickt die Rosengasse hinunter zum Marienplatz.

Die Frau mit dem Kelch – Symbol der Liebe

NemesisVertrauen haben, nichts tun. Das ist die Eigenschaft der größtmöglichen Hingabe an das Leben. Ein Symbol dafür ist die Schale oder der Kelch, denn er ist zunächst leer, aber nach oben hin offen, bereit zu empfangen, was auch immer aus den höheren Sphären sich in ihm sammeln möchte. Zugleich ist er das Werkzeug, dieses himmlisch oder göttlich Empfangene weiterzureichen. Wenn der Kelch die Runde macht, verbindet er die Menschen miteinander, macht sie zu einem Teil eines größeren Mysteriums, wie beispielsweise im Abendmahlskelch.

Der Kelch, der Becher erinnert an die Schale des Sichelmondes und gehört in das weite Feld der mütterlichen Symbole, dem den Geist des Göttlichen empfangenden Mutterschoß – so wie der Mond das Licht der Sonne empfängt. Zugleich ernähren wir uns aus dem Becher, so wie uns die Mutterbrust nährt. Nach einem indischen Mythos trinken selbst die Götter den Lebenssaft aus der Mondschale.

Im Mittelalter verschmolz der Kelch mit dem Heiligen Gral, der einst das Blut Christi aufgefangen haben soll. In diesem klingen ältere, keltische Symbole nach, wie der Kessel des Überfluss der irischen Götter, der zugleich ein Kessel der Wiedergeburt war, oder der magische Kessel der Zauberin Cerridwen. Der Kelch ist ein magischer Gegenstand und als solcher ist er in der Symbolik des Tarot zu finden als eine der vier Farben neben Stab, Münze und Schwert. Wenn man den Kelch einem Element zuordnet, so meistens dem Wasser: Mit seiner Form gibt er dem an sich formlosen Wasser Gestalt und Halt. Damit ist er ein starkes Symbol für die Verwirklichung von Fantasien und Vorstellungen, zeigt aber auch, dass ein Gefäß ohne Inhalt nur eine leere Phrase, eine wirkungslose Struktur ist.

Die Frau, die den Kelch hält, erinnert an die Figur der Welt in den 22 Arkanen im Tarot, so wie sie auf der wolkenumkränzten (Welt-)Kugel tanzt. Vielleicht ist es eine Fortuna, die häufig auf einer Kugel dargestellt wird, oder eine Nemesis, die Göttin der Vergeltung, wie sie auch von Dürer ganz ähnlich dargestellt wurde. Zugleich hat sie Anmutungen der mittelalterlichen Frau Welt, die im Zentrum vieler eigenartiger Spiele stand, wie dem Moriskentanz, wo sie von den in wilden Verrenkungen und wie ekstatisch berauschten Akrobaten umtanzt wurde, um dann dem Besten einen Apfel oder eben einen Kelch als Siegestrophäe zu überreichen. Sie wurde auch Frau Venus genannt und erinnert damit an die Liebe, um die sich am Ende alles dreht. So ist der Kelch immer auch ein Symbol der Liebe – zu sich selbst, zu Gott, zur Welt. Sie ist die Kraft der Verbindung, die aus Vertrauen entsteht.

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